Steffi Schmitt: Shanghai-Promenade

29.6.2010

“Spaziergänge zwischen den Zeiten.” Buchbesprechung von Susanne Hornfeck.
Steffi Schmitts Shanghai-Führer, der 2003 erstmals in der Old China Hand Press, Shanghai, erschien, war ein Geheimtipp. Glücklich der Tourist, dem kenntnisreiche Freunde ihn ins Reisgepäck steckten; in der Handbibliothek eines jenen, der in oder über Shanghai arbeiteten, hatte er seinen festen Platz. Doch dieses Buch ist viel zu spannend und nützlich, um ein Geheimtipp zu bleiben. Daher ist es höchst begrüßenswert, dass es nun in einer aktualisierten, erweiterten und mit vielen farbigen Bildern und Karten versehenen Ausgabe vorliegt – leider ohne das praktische Register der Erstauflage.
Shanghai ist mit seiner einzigartigen historischen Mischung aus westlicher und chinesischer Architektur und der hypermodernen Skyline längst Gegenstand zahlloser Coffeetable Books, und ständig kommen neue hinzu. Doch Schmitt hält sich nicht an der glitzernden Oberfläche auf. Ihre Liebe und Aufmerksamkeit gilt dem Detail, den (noch) sichtbaren historischen Zeugnissen vergangener Epochen und dem Lebensgefühl dieser Stadt – bis hin zu SARS. Deshalb gehört dieses Buch auch nicht auf den Couchtisch, sondern in den Rucksack. Die Autorin möchte ihren Titel nämlich durchaus wörtlich verstanden wissen, als Aufforderung, sich die Stadt zu „ergehen“.
Mit ihr erkunden wir Shanghai auf zweierlei Weise. Zunächst wird die für chinesische Verhältnisse relativ kurze, aber umso dramatischere Geschichte dieser Stadt vom Fischerdorf zur Boomtown in kompakten Kapiteln vorgestellt; keineswegs als trockener historischer Durchmarsch, sondern garniert mit vielen literarischen Kostproben und historischen Aperçus, Einschüben und Exkursen. Dann wird der Leser losgeschickt, sich auf 14 Spaziergängen durch verschiedene Stadtviertel das vor Augen zu führen, was von dieser Geschichte im Stadtbild noch übrig ist. Dabei ist der leidenschaftlichen Radfahrerin kein altes Ladenschild und keine Art-Deco-Fassade, kein hübscher Türknauf und kein lauschiges Café entgangen, zu denen sie vom historischen Kontext bis zu den aktuellen Öffnungszeiten präzise recherchierte Informationen bereitstellt. Sie führt ihre Leser auch hinter die Kulissen, in die intimen Gässchen der Lilongs – eine für Shanghai typische Form der innerstädtischen Reihenhaussiedlung – und selbst noch in die Hinterhöfe alter Kirchen („Verlassen Sie nicht das Gelände, bevor Sie einen Blick auf die neogotische Toilettenanlage im Hof geworfen haben!“ S. 471). An solchen Aufforderungen merkt man, dass diese Stadtführungen aus der Praxis entstanden sind, aus dem Wunsch, dem in ihren acht Shanghaier Jahren als Wirtschaftskorrespondentin zahlreich eintreffenden Besuchern die mittlerweile vertraute Stadt zu zeigen.
Besonderes Augenmerk legt die Autorin dabei auf die deutsche Präsenz in dieser, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so internationalen Metropole. Deutsche Firmen, deutsche Künstler, deutsche Nazis, deutsche Juden, sie alle haben dort – oft in verblüffendem Nebeneinander – gelebt und Spuren hinterlassen, und das nicht nur am „deutschen Eck“. Dass die Autorin einmal selbst aktiv an der Rettung zweier alter deutscher Ladenschilder, „Horn’s Imbiss-Stube“ und „Cafe Atlantic“ (Abb. S. 289 und Spaziergang 6), beteiligt war, verschweigt sie bescheiden.
Also beeilen Sie sich! Während die Stadt dem 21. Jahrhundert Tür und Tor öffnet – am augenfälligsten mit der Weltausstellung -, geht auch viel alte Bausubstanz verloren. Vor allem in die Altstadt oder „Chinesenstadt“ rund um den Stadtgotttempel hat die Abrissbirne bereits schmerzliche Lücken gerissen. Gehen Sie mit dem Buch in der Hand los, solange Schmitts kenntnisreiche, liebevoll gestaltete Stadtgänge noch als reale Erfahrung nachvollziehbar sind. Aber auch zu Hause auf der Couch lässt sich mit Gewinn darin lesen. Es gibt keinen besseren deutschsprachigen Stadtführer – allenfalls die Autorin selbst.
Steffi Schmitt: Shanghai-Promenade Spaziergänge zwischen den Zeiten. 2. vollständig aktualisierte und ergänzte Auflage. Hamburg: Abera Verlag Markus Voss 2009. 555 S., viele Abb. und Karten. ISBN 978-3-934376-78-6. 29.90 Euro.

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