Retten die Sozialversicherer die Börse?

24.2.2012

Die Gerüchte über einen Gang der lokalen Sozialversicherungsfonds auf den Anlagemarkt sollte man nicht opportunistisch sehen Von Shen Hongpu 沈洪溥. Übersetzung: Jessica Mayer. Vgl. 不宜从机会主义角度解读地方社保公积金入市传闻 (Dongfang Zaobao, 19.12.2011).

Berichten zufolge sagte ein Vertreter des Fonds der China Securities Regulatory Comission (CSRC) bei einem Pressegespräch am Abend des 16.12., dass die CSRC derzeit Überlegungen zu politischen Maßnahmen anstelle, wie man die Anlage der Überschüsse der lokalen Sozialversicherungsfonds und Reservefonds am Markt fördern könne. Die lokalen Sozialversicherungsfonds, deren Gesamtvolumen sich auf etwa 2 Billionen RMB beläuft, könnten nach dem Muster der nationalen Sozialversicherung marktorientierte Investitionsorganisationen auswählen und beauftragen.

Tags zuvor hatte der Vorsitzende der CSRC Guo Shuqing auf dem Jahrestreffen des Wirtschaftsmagazins „Caijing“ geäussert, dass das Jahr 2012 langfristigen Geldern, wie dem Sozialversicherungsfond, der Firmen-Rentenversicherung, dem Wohnraumfinanzierungsfond und Überschüssen aus dem Finanzhaushalt gute Gelegenheiten bieten werde, auf den Markt zu gehen. Dies würde der die Mittlerrolle übernehmenden inländischen Wertpapierbranche zugutekommen.

Wenn man diese Phänomene nebeneinanderstellt, dann ergibt sich vielleicht für die plötzliche Erholung der Börsen-Schlusskurse am 16.12. eine weitere sehr plausible Erklärung: man war der Ansicht, die administrative Ebene würde es letzten Endes nicht tolerieren, dass die Börse zum Stand von vor zehn Jahren zurückkehrt, und erneut zur Rettung des Marktes schreiten.

Der sogenannte Gang auf den Anlagemarkt der lokalen Sozialversicherungen und Reservefonds ist eigentlich längst überfällig. Wenn man ihn aber simpel und direkt als eine gute Nachricht betrachtet, dann ist ein kräftiges Stück Opportunismus dabei, und Fehleinschätzungen sind dann schwer zu vermeiden.

Zunächst: die lokalen Sozialversicherungen und Reservefonds erscheinen zwar reich und mächtig, in Relation zur Marktkapitalisierung der Börsen sind sie nach wie vor nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vom Volumen her belaufen sich die Überschüsse der lokalen Sozialversicherungsfonds und des nationalen Wohnraumfinanzierungsfonds zusammen auf ca. 4 Billionen RMB. Bei einem investierbaren Anteil von 15% sind dies nicht mehr als 600 Milliarden RMB. Im Vergleich dazu lag der gesamte Marktwert der Börsen Shanghai und Shenzhen zum Handelsschluß am letzten Freitag bei 2,192 Billionen RMB. Zu hoffen, dass die Nachricht über einen Markteintritt von 100 Milliarden RMB die Abwärtsbewegung des mit mehr als 2 Billionen RMB kapitalisierten Aktienmarkts umdreht, wäre reine Illusion. Hinzu kommt, dass, wenn die Fonds tatsächlich an den Markt gehen, es keinen einmaligen Aufbau eines riesigen Portfolios geben wird, sondern es werden eher dezentrale Investitionsaufträge umgesetzt werden, also eine schrittweise Anlage in getrennten Chargen.

Außerdem betrug mit Freitag vergangener Woche das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Shenzhen Shanghai CSI 300 Index 12,68 bei den Aktien mit hoher Marktkapitalisierung. Das durchschnittliche KGV von Firmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung war noch höher. Wenn man es mit dem reiferer Aktienmärkte vergleicht, ist schwer zu sagen, ob dieses durchschnittliche KGV bereits ausreichend attraktiv ist. Gleichzeitig macht die wirtschaftliche Lage Anfang nächsten Jahres keinesfalls optimistisch in Bezug auf die Schätzwerte. Da im Vergleich zum nationalen Sozialversicherungsfond der Umfang der lokalen Sozialversicherungen und Reservefonds relativ klein und ihre Risikobelastbarkeit relativ gering ist, dürfte der jetzige Zeitpunkt nicht ideal für einen Einstieg sein, sondern eher für eine Planungs- und Beobachtungsphase.

Außerdem dient die Stellungnahme der CSRC eher dem Ausspannen eines „politischen Auffangbodens”, nicht unbedingt der Bildung eines „Markt-Auffangbodens“. Die Nachricht über den letzten Zukauf von Bankaktien durch die Central Huijin Investment Ltd. liess die Anleger eine Zeitlang vermuten, dass der Bärenmarkt beendet sei. Mit dem folgenden Rekordtief der Börse wurde diese Hoffnung jedoch wieder zunichte gemacht. Ich meine, dass es für den Anleger überraschend käme, wenn die Aufsichtsbehörden aus ihrer seit langem eingefahrenen “paternalistischen” Haltung heraus zur passenden Zeit Maßnahmen unter dem Motto der “Marktrettung” beschließen würden. Doch das Problem ist, dass die Politik grundsätzlich nicht die Oberhand über den Markt behalten kann. Nehmen wir die Markterfahrungen von China und der Außenwelt unter die Lupe, dann finden wir keinerlei Beispiele für eine Politik der „Marktrettung“, die die Markttendenz (und zwar nicht nur zeitweilig) korrigiert hätte. Die sicherste Schlussfolgerung ist im Gegenteil, dass der „Auffangboden des Marktes“ in der Regel unter dem „politischen Auffangboden“ liegt. Das heißt, die Politik meint es zwar gut, macht es aber falsch, sie besänftigt lediglich ein Mal oder ein paarmal die Schmerzen.

Deshalb kann die diesmalige Äußerung der CSRC zwar immer noch als Unterstützungsmaßnahme für den Markt durchgehen, eine sichere Methode wäre aber wohl – wenn es keine Anzeichen für eine Veränderung des wirtschaftlichen Umfelds gibt, dies als Hinweis auf einen „politischen Auffangboden“ zu sehen und im Ãœbrigen geduldig auf die Bildung eines „Markt-Auffangbodens“ zu warten.

Zuletzt: Bei der Stimulierung des Aktienmarkts steht die Optimierung des Systems im Vordergrund, mit viel Geld einen neuen Bullenmarkt anzuschieben ist nicht das Hauptziel. Entgegen der herkömmlichen Auffassung ist erstens das KGV unseres Aktienmarkts durchaus nicht schlecht, wie das Beispiel des National Council for Social Security Fund zeigt, deren durchschnittliche Anlageerträge in den letzten zehn Jahren 9,17% betrugen. Zweitens ist der Kursanstieg keinesfalls gering, wie der Mainboard-Index Shenzhen zeigt: der Jahresdurchschnitt der zusammengesetzten Ertragsrate in den letzten zehn Jahren betrug 7%, was in etwa der langfristigen zusammengesetzten Ertragsrate in der über 200-jährigen Geschichte des US-Aktienmarkts entspricht. Dies passt voll und ganz zum Wesen der neuen Märkte. Deshalb brauchen wir heute wirklich keinen von der Politik künstlich geschaffenen Bullenmarkt, der eine letzte rauschende Party feiert und dann stirbt, sondern es gilt, das System langfristig und stetig zu verbessern, den Markt für Gelder attraktiver zu machen, und damit den Anlagewert zu erhöhen. Das beinhaltet nicht nur, reife Unternehmen zur regelmäßigen Ausschüttung von Dividenden anzuleiten, sondern auch, echten Wachstumsunternehmen leichten Zugang zu Kapital zu ermöglichen. Zuletzt sollen die Aktionäre auf zweifache Weise, durch Dividenden und den Marktwert, eine normale Rendite erzielen.

Comments are closed.