Da kann man nichts machen, es gibt zu viele Chinesen

5.7.2012

Warum glauben die Leute, es gebe zu viele Chinesen? Von Wu Xianghong 吴向宏. Übersetzung: Jessica Mayer. Vgl. 吴向宏:是什么让人感觉“人太多” (Marco Polo Projct/qq.com).
Wenn es in China schwierige Probleme gibt, dann klagen meine Freunde oft: „Da kann man nichts machen. Es gibt zu viele Chinesen.“ Wie der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Xu Xiaonian einmal ironisch konstatierte: Ärztliche Behandlung zu bekommen ist schwierig, weil es zu viele Chinesen gibt und die Ärzte stark unter Druck stehen. Gute Schulbildung ist schwer zu bekommen, weil die Lehrer wegen der großen Bevölkerung stark unter Druck stehen. Die Wohnungssuche ist schwierig, weil die Baufirmen wegen der großen Bevölkerung stark unter Druck stehen. Wenn das Fleischangebot knapp ist, dann, weil die Schweine wegen der großen Bevölkerung unter starkem Druck stehen.

Zu sagen „Es gibt zu viele Chinesen“ würde bedeuten, dass die große Zahl der Chinesen Ressourcenknappheit bewirkt und das Angebot bei vielen Produkten nicht ausreicht. Aber dem ist nicht so. Zwar gibt es viele Chinesen, aber weltweit gesehen ist Chinas Bevölkerungsdichte aufgrund seiner ebenfalls großen Fläche nicht hoch, nach Statistiken der UN rangiert China dabei unter allen Länder und Gebieten lediglich auf Platz 73. Viele Industrieländer wie England, Deutschland, Holland, Italien und die Schweiz haben eine weit höhere Bevölkerungsdichte. Außerdem liegen Chinas Vorräte an wesentlichen Ressourcen pro Flächeneinheit im mittleren bis oberen Bereich. Deshalb befindet sich China des Durchschnitts an wesentlichen Ressourcen umso mehr im mittleren Bereich, es herrscht kein Mangel. Theoretisch gibt es sicherlich eine Obergrenze hinsichtlich der Zahl der Menschen, die die Erde fassen kann. Wird diese Obergrenze überschritten, wird es übermäßig eng auf der Erde. Real jedoch haben Länder mit einer weit höheren Bevölkerungsdichte als China diese Grenze noch nicht erreicht, ganz zu schweigen von China. Man kann also sagen, dass bis heute ein Großteil der zahlreichen sogenannten Phänomene wie „Überbevölkerung“ und „Ressourcenknappheit“ auf spezifische soziale und ökonomische Systeme zurückzuführen ist und nicht etwa auf eine tatsächliche Überzahl an Menschen.

Einige Freunde glauben das nicht so recht. Sie führen dazu gerne das Beispiel Tokio an. Sie sind der Meinung, dass Japan als reichste demokratische Marktwirtschaft der Welt hinsichtlich seines sozialen Systems und Entwicklungsstands als überlegen bezeichnet werden muss. Aber sind Tokios U-Bahnen nicht immer noch überfüllt? Ist Tokios Wohnsituation nicht immer noch angespannt? Der Grund liegt in der zu hohen Bevölkerungsdichte Japans, sie beträgt das 2,5 –fache von China! Diese Freunde müssten eigentlich folgendes Fazit ziehen: Es gibt offensichtlich zu viele Menschen, was ein entscheidender Grund für den Mangel an Ressourcen sein müsste.

Eine Tatsache, die diese Freunde jedoch übersehen, ist: Einige entwickelte Länder und Schwellenländer mit einer sehr geringen Bevölkerungszahl haben ebenfalls überfüllte U-Bahnen und verstopfte Straßen. 2008 hat die US-amerikanische Pressekonzern Financial Times das brasilianische Sao Paolo zur Stadt mit dem weltweit dichtesten Verkehr eingestuft. Nach meiner eigenen Erfahrung ist diese Einschätzung absolut korrekt. Brasiliens Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer von nur 23 Menschen entspricht einem Sechstel Chinas und einem Fünzehntel Japans. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Moskau. Die U-Bahn in Moskau ist extrem überfüllt, jedes Jahr werden dort 2,4 Mrd. Menschen transportiert (Stand 2009), jährlich werden pro U-Bahn-Kilometer im Schnitt 800.000 Menschen transportiert, was weltweit nur von Tokyo übertroffen wird und viel mehr ist als in Shanghai und Peking. Auf einen Quadratkilometer kommen in Russland jedoch nur 8,4 Menschen, es ist eines der Länder mit der weltweit geringsten Bevölkerungsdichte. Ob Chinesen bei einem Besuch in Sao Paolo oder Moskau klagen würden: „Es gibt zu viele Brasilianer!“ oder „Es gibt zu viele Russen!“? Da bin ich mir nicht sicher.

Für die gefühlte Überbevölkerung gibt es viele Gründe. Sie vollständig zu erörtern würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen. Nur so viel: Ein wichtiger Grund – die Mehrheit der großen Städte und Megacities mit „Überbevölkerung“ und „Ressourcenknappheit“ sind erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und gehören zu den relativ jungen Städten der post-industriellen Zeitalters. Typisch für diese Städte ist, dass der tertiäre Sektor die Kernindustrie bildet, wie Finanzen, Verwaltung, Handel, Immobilien und Gastronomie. Und dieser Dienstleistungssektor benötigt zur Erzielung von Skalen-Effekten eine höhere Bevölkerungsdichte. Im Gegensatz dazu sind die früher entstandenen Städte, gleich ob gewerbetreibende Städte, Hafenstädte oder autarke Gemeinden, die prä-industrielle Züge tragen, sie alle sind vergleichsweise kleiner und haben eine vergleichsweise geringere Bevölkerungsdichte.

Heute leben einige meiner Freunde in den USA und Europa und sind ganz begeistert von ihrem Leben in einem „kleinen Land mit wenigen Menschen“ und denken fälschlicherweise, die USA bzw. Europa seien Regionen mit großer Fläche und wenig Menschen. Tatsächlich aber ist die Bevölkerungsdichte der USA alles andere als niedrig, und in Europa gibt es, wie ich vorhin erwähnte, eine Reihe von Ländern mit einer höheren Bevölkerungsdichte als China. Trotzdem würden wir nicht klagen „Es gibt zu viele Europäer“ oder „Es gibt zu viele Amerikaner“, weil diese Länder als alte kapitalistische Industrieländer relativ früh eine Urbanisierung durchliefen. Schon in den 40er Jahren betrug die Urbanisierungsrate in den USA 50%, und einige europäische Städte sind sogar Jahrhunderte alt. Viele kleine und mittlere Städte entstanden in der frühen Phase der Urbanisierung und bestehen bis heute, was die Bevölkerungszahlen in den einzelnen Städten drastisch nach unten gezogen hat. Außerdem entstanden in fast allen Ländern, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rapide urbanisiert wurden, Megacities, die an schweren „Städtemalaisen“ leiden, ganz gleich, ob diese Länder eine hohe, nicht hohe oder sehr niedrige Bevölkerungsdichte aufweisen. Neben dem schon erwähnten Sao Paolo seien noch Mexiko Stadt, Rio de Janeiro, Buenos Aires, Seoul und Tokyo als spät entwickelte Megacities genannt.

Ein weiterer wichtiger Grund dafür, dass sich die Bevölkerung übermäßig in zentralen Städten konzentriert und somit das Problem der „knappen Ressourcen“ verschärft wird, ist das zentralistische Wirtschaftssystem. Die Statistiken Moskaus zeigen, dass der Bevölkerungsanstieg vor Gründung der Sowjetunion noch relativ moderat war. Nach ihrer Gründung verlief er rapide und die komplette Planwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg markiert die entscheidende Epoche, in der die Bevölkerungszahl weiter von einer Million auf 10 Millionen explodierte. Der Grund war wohl, dass unter der Zentralwirtschaft die Verwalter der zentralen Städte ein starkes Mitentscheidungsrecht hatten und aus der Zentrale enorme Ressourcen ziehen konnten. Deshalb kam es in diesen Ländern zu einer Polarisierung zwischen unerträglich überfüllten Städten und menschenverlassenen ländlichen Regionen.

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