Eine Leere namens Land

25.12.2012

Eine Leere namens Land Vgl. 有一种空虚叫做农村 (my1510.cn). Von Zhang Zejia 张泽佳. Übersetzung: Jessica Mayer.

Ich denke immer gern an den Kiosk in meiner Heimat zurück. Jedes Mal, wenn ich in meine Heimat zurückkehre, kaufe ich dort ein oder tausche ein paar Höflichkeitsfloskeln mit dem Ladenbesitzer aus, darüber, wie gut das Geschäft laufe, wie gut es der Familie gehe, wie alt die Kinder nun seien, dass sie schon auf das Gymnasium gingen. Jedes Mal sind es im Großen und Ganzen diese Themen. Mir als Fragestellerin fällt dabei nie etwas Neues ein und das macht die Sache für mich eher peinlich. Aber die Antworten verraten nicht die geringste Ungeduld. Der Ladenbesitzer schenkt mir mit einer rührenden Aufrichtigkeit Tee ein. Zwar hat sein Blick immer etwas Abwesendes, was aber bei jemandem, der seine Zeit über die Jahre immer im gleichen Trott verbringt, nicht verwunderlich ist.

Der Ladenbesitzer ist mit mir verwandt, er ist mein Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters. Seit ich denken kann, betreibt er diesen kleinen Laden. Er liegt abgelegen in einem Winkel meines Heimatortes, der einzige Tante-Emma-Laden weit und breit, was ihn zu einem Kommunikationszentrum macht. Viele kommen auf dem Weg in die Kreisstadt an dem Laden vorbei, und jeder wird mit einem netten Lächeln von meinem Onkel begrüßt. Solche, die auf dem Weg in die Stadt sind, um Gemüse einzukaufen, werden von ihm gegrüßt „Ach, Sie gehen in die Stadt!“. Und wenn sie dann zurückkommen, grüßt sie mein Onkel erneut mit einem freundlichen „Ah, da sind Sie ja wieder“.

Aber im stillen denke ich, dass sich mein Onkel dabei doch sein Teil denkt. Denn die Gleichaltrigen, die in die Großstadt gezogen sind, sind zwar nicht reich, aber doch etwas Besonderes geworden. Zu Chinesisch Neujahr fahren die in den Großstädten reich gewordenen in ihrem Auto an seinem Laden vorbei, vor dem nur sein Fahrrad und sein Motorrad abgestellt sind.

In den letzten Jahren ist mir ganz besonders aufgefallen, dass immer mehr Leute aus meiner Heimat weggezogen sind. Es gab eine Zeit, da war unsere Wohnung in Shenzhen praktisch eine Durchgangsstation für Verwandte, die auf Arbeitssuche vom Land in die Großstadt gekommen waren. Sie wohnten zunächst ein knappes Jahr bei uns. Während dieser Zeit wurden sie von meinem Vater oder einem anderen schon früher nach Shenzhen gekommenen Verwandten betreut. Solche Verwandte, denen es schon einigermaßen gut geht, helfen bei der Vermittlung einer Arbeit. Hat man Arbeit, dann wird eine Wohnung angemietet. Und wenn die Arbeit gesichert ist, dann wird eine Familie gegründet.

Die Hochzeit darf auf keinen Fall mickrig ausfallen. Nach der Hochzeit sind sie völlig ausgeblutet, sie geben dafür ihren hart ersparten Pfennig aus, die Hochzeit ist für sie eine Frage des Gesichts. Sie hat direkten Einfluss darauf, ob man von der Verwandtschaft aus der Heimat zu denen gerechnet wird, die sich in der Großstadt gut durchschlagen. Die Hochzeit wird normalerweise zweimal gefeiert, einmal in Shenzhen und einmal in der Heimat. Und dann steht Nachwuchs ins Haus. Das Kind wächst in der Regel bei den Großeltern in der Heimat auf. Die Eltern kehren wieder zurück zu ihrer Arbeit. Außer an Chinesisch Neujahr, wenn in der Heimat ein bisschen mehr los ist, sind dort sonst nur die älteren Menschen, die auf die Kinder aufpassen. Einige Senioren nehmen die Kinder öfter mit zu ihren Nachbarschaftsbesuchen. Die Kinder gehören zu den wenigen Freuden ihres Lebens und sind ein Grund für die Besuche bei den Nachbarn. Wenn man ein Kind dabei hat, kann man mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit und einem besseren Gewissen so einen Besuch machen als ohne Kind.

Sind aber diese Kinder schon groß oder ihren Eltern in die Großstadt gefolgt, dann bleiben zu Hause nur die beiden Alten übrig. Entweder man trifft sich dann mit anderen und schlägt die Zeit tot, indem man um Geld spielt, oder man sieht dabei zu, wie das Leben sich dem Ende neigt. In unserer Nachbarschaft wohnt eine alte Frau. Es kommt mir so vor, als würde sie den ganzen Tag lang an ihrer Tür sitzen, damit sie, wenn Bekannte vorbeigehen, diese in ein Gespräch verwickeln kann. Als ich letztes Jahr zu Chinesisch Neujahr an ihrer Haustür vorbeiging, wusste ich schon, dass sie dort stehen würde. Ich schaute absichtlich weg, damit sie mich weitergehen liesse. Aber ich entging nicht ihrem scharfen Blick. Sie rief meinen Namen, worauf ich automatisch stehen blieb und zu ihr hin blickte. Als sie sah, dass ich mich umgedreht hatte, begann sie, mich mit Informationen zu ihrer Beziehung zu meiner Tante väterlicherseits einzudecken: „Weißt du? Deine Tante und ich waren Klassenkameradinnen, wir kamen sehr gut miteinander aus.“ Ich dachte mir nur: Als ihr Klassenkameradinnen wart, war ich noch nicht geboren. Aber ich nahm mich zusammen und wartete, bis sie fertig war, obwohl mich alles zu Tode langweilte.

Es gab da noch einen Alten, der auch gern vor seiner Haustür saß. Er hatte aber nicht die Angewohnheit, Passanten abzufangen und in ein Gespräch zu verwickeln. Ging man an seinem Haus vorüber, starrte er einen immer nur etwas geistesabwesend an. Sein verrunzelter Mund gab seinem Gesicht etwas Hilfloses. Oft schaute er mich mit einem tumben Blick an, und ich schaute ebenso tumb zurück, und als ich meines Weges ging, tat er mir leid. Als ich dieses Jahr zu Chinesisch Neujahr wieder an seinem Haus vorbeiging, saß er nicht mehr davor, sicher ist er gestorben. Eine andere alte Frau scheint mit niemand im Dorf Kontakt zu haben. Ihre Söhne und Enkel sind in die Großstadt gezogen, ihr Ehemann ist ihr ins Grab vorausgegangen. Sie ist übrig geblieben und hütet ein leeres Haus. Oft hat sie um halb sieben, noch vor der Dunkelheit, längst die Tür verschlossen und sich schlafen gelegt. Dagegen führen die Leute, die mit Freunden zu zweit oder zu dritt Karten spielen oder um Geld spielen ein viel glücklicheres Leben. Für die Alten im Dorf scheint das Spiel der einzige Weg aus der Einsamkeit zu sein.

In Shenzhen veranstalten die Leute aus dem gleichen Heimatort einmal im Jahr landsmannschaftliche Abende. Solche Zusammenkünfte sind im Grunde genommen eine Versammlung von wohlhabenden Landsleuten, die Geld spenden und weniger wohlhabenden, die ihre Arbeitsleistung einbringen. Mitesser wie ich, die noch studieren, beehren diese Veranstaltung mit ihrer Anwesenheit, damit nur ja kein Platz freibleibt und damit der Zusammenhalt von uns Dörflern in der Großstadt zum Ausdruck gebracht wird. Die bei diesem Kulturabend tonangebenden Leute sind einige meiner Landsleute, die hier in Shenzhen zu Geld und Namen gekommen sind. Der Moderator der Veranstaltung imitiert dann den Tonfall wie bei der Neujahrs-Show im Fernsehen und drischt ein paar Phrasen in der Art wie „wir Landsleute müssen uns gemeinsam bemühen“. Außerdem wird noch Geld für Sänger ausgeben, die die Nationalhymne im westlichen Belcanto-Stil singen. Die ganze Veranstaltung wird von einer feierlichen

Hintergrundmusik begleitet, aber die überwiegende Zahl der Gäste ist nur gekommen, um sich das Geld für ein Abendessen zu sparen. Während der dreijährigen Hungersnot sind ganze Dörfer ausgerottet worden, die Menschen sind verhungert. Und heute ist in meinem Heimatdorf mehr als die Hälfte der Menschen in die Großstädte abgewandert. Jeden Dezember kommen sie in irgendeinem Restaurant in Shenzhen zusammen und nehmen an einem großen kostenlosen Essen teil, um dann mit einem großen Hallo wieder auseinanderzugehen.

Es ist noch nicht lange her, da hat meine Großmutter die Sozialhilfe für alte Menschen im Dorf beantragt. Das sind einige Duzend Yuan im Monat. Sie ist über 80 Jahre alt, und jedes Jahr wenn ich zu Chinesisch Neujahr nach Hause komme, gibt sie mir ihre über das Jahr hart angesparten Groschen in einem Säckchen. Es sind auch immer ein paar Fen darin. Ich sage ihr dann immer, sie solle das Geld selbst ausgeben, aber ich weiss, dass sie doch nur weiter sparen würde. Von diesem Jahr an wird sie einige Dutzend Yuan im Monat anhäufen und über beide Ohren strahlen. Wenn meine Großmutter lacht, sieht sie sehr freundlich aus.

Mein Onkel meinte, er werde nächstes Jahr mit seiner Familie nach Shenzhen ziehen. Schweine werde er keine mehr züchten und er werde auch nicht mehr Traktor fahren, um Kalksteine zu transportieren. Da sich seine beiden Söhne ganz gut in Shenzhen durchlagen und mein Onkel ein sehr optimistischer und zuversichtlicher Mensch ist, weiss er, dass es jetzt an der Zeit ist, in die Stadt zu ziehen, um auf seine alten Tage das Leben dort zu genießen.

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