Freie Bahn für unabhängige Kinder

1.2.2013

Freie Bahn für unabhängige Kinder Quelle: 不要阻碍孩子的独立 (my1510.cn). Von Yun Zhi 云之. Übersetzung: Jessica Mayer.

Viele der Probleme im Leben des Menschen haben mit Würde zu tun. In der Theorie der Bedürfnisse von Maslov gibt es fünf Stufen; das Bedürfnis nach Würde steht auf der vierten Stufe. Aber es ist klar, dass man diese Theorie nicht mechanisch und starr auffassen soll. Wenn vor der Befriedigung der Bedürfnisse nach Lebenserhalt, Sicherheit und gesellschaftlichem Umgang kein Bedürfnis nach Würde bestünde, dann wäre der Mensch nicht „Mensch“, ja womöglich nicht einmal „Tier“. Beim Bild des modernen zivilisierten Bürgers steht die Persönlichkeit ganz vorne an. Damit hat man wohl die Bedeutung der menschlichen Würde erkannt.

Der Mensch existiert nicht nur körperlich, sondern auch als geistiges Wesen. Der körperliche Existenz ist für den Menschen leichter erfahrbar als die geistige. Der Unterschied zum Tier besteht darin, dass der Mensch nicht nur passiv fühlt, sondern sich seine geistige Welt aktiv erobert. Der zu abstraktem Denken fähige Mensch hat bereits sein Wesen erkannt und die Idee der Gleichheit der Menschen gefasst. Es ist sicher so, dass man die geistige Existenz des Menschen verstehen muss, um die Gleichheit der Menschen zu verstehen. In gewisser Weise sind der Egalitarismus und die gleichmäßige Verteilung von Reichtum eine Ergebnis der Vernachlässigung der geistigen bzw. die Überbetonung der körperlichen Existenz.

Als ich mich vor Kurzem mit Freunden unterhielt, fiel mir ein, dass viele Kinder und Jugendliche Festland Chinas heute zwar im Überfluss und Wohlstand leben, deshalb aber keineswegs glücklicher sind als die Jugend der 1980er und 90er Jahre. Sie fühlen sich womöglich eingeengt und unglücklich, weil sie kaum dem Schatten und den Fittichen ihrer Eltern entkommen können.

Obwohl gerade das Ende des 20. Jahrhunderts die Zeit bedeutender Veränderungen in China war, so gab es im Vergleich zu heute doch große Unterschiede im Grad der Offenheit und Aufgeklärtheit. Damals aber konnte die junge Generation nur sehr selten auf materielle Unterstützung seitens der ältere bauen, meine Generation hat ihr Leben und ihre berufliche Existenz im Wesentlichen in einer kollektiven Armut begonnen. Viele hatten ein schlechtes Gewissen gegenüber der Generation der Eltern. Unsere Eltern haben uns in extrem schweren und bitteren Zeiten großgezogen, und wir haben ihre Not mit eigenen Augen gesehen. Als wir dann zum ersten Mal etwas Wohlstand genießen konnten, mussten wir immerzu an das schwere Leben unserer Eltern denken, was unsere Freude relativiert hat. Als wir unsere Existenz aufbauten, konnten wir dabei auch das Leben unserer Eltern verbessern, was uns Genugtuung gab und unsere Gewissenbisse teilweise kompensierte. Eigentlich waren die gar nicht berechtigt, denn als Kinder waren wir nicht nur nicht verantwortlich für die damaligen Sorgen, sondern wir gehörten selbst zu den Leidtragenden. Als Kind fuhr ich einmal ganz erregt meinen Vater an: „Es geschieht dir nur recht – wer hat dich gezwungen, mich auf die Welt zu setzen, du hast mich auf die Welt gesetzt, also musst du auch für mich sorgen.“

Der Gedanke, dass die eigene Person das Leben der Eltern schwerer gemacht hat, ist jedoch nie ganz verschwunden, bis einige Jahre später das Selbstbewusstsein richtig ausgebildet war. Obwohl man daran gewöhnt war, entweder sich als Belastung für andere oder andere als Belastung für sich anzusehen, so waren wir in jener konkreten Situation doch auf uns selbst angewiesen und konnten kaum auf die Eltern zählen. Das half uns, selbst zu Entscheidungen zu kommen und für sie die Verantwortung zu übernehmen. Unsere Unabhängigkeit war ganz von selbst entstanden, man könnte sagen, sie war von der Situation erzwungen worden.

Die Umstände, in denen heute Jugendliche heranwachsen, unterscheiden sich bereits wesentlich von denen unserer Generation. Mein Wissen über die heutige Jugend ist zugegebenermaßen begrenzt, aber im Großen und Ganzen kann man doch sagen, dass sie ihren Eltern mehr „schulden“ als wir, weil die meisten von ihnen Einzelkinder sind. Einige Eltern verwenden ungeheuere Energien für ihre Kinder, und viele investieren viel Geld in ihre Kinder. Fast alle neigen dazu, ihren Kindern das zu geben, was sie für das Beste halten, mit dem Erfolg, dass manche Eltern einen großen Teil ihrer Ersparnisse für das Auslandsstudium ihrer Tochter geopfert haben und dann klagen, sie hätten nun ihr Geld und ihre Tochter verloren, wenn die im Westen bleibt und dort heiratet.

In Festland China ist das System der sozialen Sicherung noch nicht ausgereift, die Altersversorgung stützt sich zu einem Großteil auf die Kinder, und man kann sich nicht vollständig auf das System der sozialen Sicherung verlassen. Unsere Generation traf gerade auf eine Zeit, in der die Regierung dem Einzelnen schon eine gewisse Freiheit gewährte, außerdem lag die bitterste kollektive Armut schon in der Vergangenheit, sowohl der Reichtum des Staates als auch des Individuums wuchs in unterschiedlichem Ausmaß deutlich, unsere Generation hat also relativ gute Voraussetzungen, für die Eltern im Alter zu sorgen. Dass aber die heutige Jugend für die Altersvorsorge der Eltern aufkommt, das dürfte im Allgemeinen kaum praktikabel sein. Es geht mir hier nicht primär um das chinesische Rentensystem, sondern um den Einfluss des sozialen Umfelds auf die heutige Jugend. In den letzten Jahren berichteten die Zeitungen häufig von denen, die an der älteren Generation „nagen“, was auch die Abhängigkeit der jungen Generation zeigt.

Die menschliche Würde ist naturgegeben. Beim Älterwerden entsteht im Menschen ganz natürlich ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Warum also gibt es Kinder, die noch als Erwachsene an den Eltern „nagen“? Hier gibt es zwei Gründe, getreu der Redensart „mit einer Hand kann man nicht klatschen“, nämlich die Gründe des Nutznießers und die Gründe des Gebenden. Viele Eltern zeigen ihren Kindern auf dem Weg zum Erwachsenwerden nicht genug Anerkennung und Vertrauen, sie mischen sich zu sehr ein und ziehen keine klaren Grenzen. Das ist die Hauptursache für die mangelnde Selbstständigkeit der Jugend. In der chinesischen Erziehung werden die Kinder entweder übermäßig behütet oder vernachlässigt. Die Entwicklung vieler Fähigkeiten wird dadurch gehemmt. Ist das Kind erwachsen, gehen die Eltern davon aus, dass es all diese Fähigkeiten automatisch besitzt, doch sie sind während der Entwicklung unterdrückt und gehemmt worden. Natürlich tragen die Eltern als „Benagte“ einen gewissen Schaden davon. Aber in Wirklichkeit ist der Schaden, den die „Nager“ selbst davontragen, wesentlich größer: nämlich mangelnde Selbständigkeit, fehlender Selbst-Respekt und hiervon herrührend Depressionen und Angstattacken.

Dem modernen und zivilisatorischen Konzept entsprechend ist die elterliche Fürsorge eine ethische Verpflichtung. Die Kinder müssen dafür nicht unbedingt dankbar sein. Als Erwachsene müssen sie jedoch Eigenverantwortung übernehmen, also Verantwortung gegenüber sich selbst, der Familie und der Gesellschaft. Das sollte man nicht als erzwungene Pflicht sehen, sondern es gehört zu einer gesunden Persönlichkeit. Festland China ist immer noch eine vormoderne Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen den Bereichen der Eltern und der Kinder nicht klar abgesteckt sind. Sind die Kinder klein, überschreiten die Eltern oft die Grenzen, sind sie erwachsen, gelingt es den Eltern immer noch nicht, diese unabdingbare Grenze zu ziehen. Grenzüberschreitungen beider Seiten sind die Folge, was die Herausbildung einer eigenständigen Persönlichkeit beeinträchtigt. Einige Eltern fühlen sich ungerecht behandelt. Sie sind der Meinung, dass ihnen für ihren Einsatz zu wenig gedankt wurde.

Schafft man es, sich von diesem egozentrischen Denken zu lösen und sich in das Kind hineinzuversetzen, dann liegt womöglich folgende Situation vor: der Preis für die Ignorierung der „Empfindungen der Kinder“ ist, dass es den Kindern an Belastbarkeit fehlt, sie sind entweder schwach oder undankbar, um so ihr Schuldgefühl zu verdrängen.

Als ich einmal über das Thema Geben und Nehmen sprach, erwähnte ich das Ungleichgewicht, das sich bei einseitigem Geben oder Nehmen einstellt. Oft führt dieses Ungleichgewicht zu mangelnder Würde beim Empfänger, und um diesen gefühlten Mangel an Würde wiedergutzumachen, sieht er es unwillkürlich als selbstverständliche Pflicht, ja sogar als zu begleichende Schuld des Gebenden an. Auf diese Art nimmt er es wie selbstverständliche Almosen an und hegt sogar einen Groll gegen dem Gebenden, um sich nicht mehr würdelos zu fühlen. Wahrscheinlich hat man gerade aus dieser Kenntnis des menschlichen Charakters heraus das einseitige Geben und Nehmen zum Ausgangspunkt der Wohltätigkeit gemacht und damit die menschlichen Schwächen in Schach gehalten und seine gute Seiten zum Tragen gebracht.

Zwischen opferbereiten Eltern und Kindern, die diese Opfer gerne annehmen oder keine andere Wahl haben als sie anzunehmen, besteht auch eine Art Balance-Verlust. Kinder, die Opfer von ihren Eltern gewöhnt sind, verlieren letztendlich einen Teil ihres Verantwortungsgefühls, ja werden in der Gesellschaft gar zu unbeliebten Menschen, die gewohnt sind zu fordern, aber nicht bereit sind zu geben. Die Kinder, die mehr oder minder gezwungen sind, das Opfer ihrer Eltern anzunehmen, tragen schwer daran. Sie stehen auf lange Sicht im Schatten der Eltern, entwickeln leicht Minderwertigkeitsgefühle und eine daraus entstehende fortdauernde Abhängigkeit. Wie immer es zum Ausdruck kommt – der Heranbildung einer eigenständigen und gesunden Persönlichkeit ist es allemal abträglich. Durch das „Sich auf die Eltern verlassen“ sieht es so aus, als ob die Kinder eine Abkürzung genommen hätten. Langfristig jedoch wird es ihnen schwerfallen, sich alleine den unvermeidbaren Schwierigkeiten und Rückschlägen des Lebens zu stellen.

Ich bewundere jene Mütter für ihre Zähigkeit und ihr Selbstvertrauen, ihre unerschütterliche Energie und Willenskraft den Kindern gegenüber, aber dieser scheinbare Vorteil ist eine Schwäche, ihr allzu ausgeprägtes Selbstbewusstsein grenzt oft an Überheblichkeit, sie sind nicht nur von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt, sondern auch davon, dass ihr Licht den Kindern den Weg zeigen muss. Ersteres bildet zweifelsfrei einen Schutzschirm für Heranwachsende, es gibt ihnen Selbstbewusstsein und ein Sicherheitsgefühl mit in eine fremde Welt. Letzteres aber steht der Unabhängigkeit des Kindes im Wege, macht sie schwach und unsicher oder führt bei widerspenstigen Kindern zu einer immer größeren Entfremdung von der Mutter, was letztlich eine lebenslangen Kommunikationsbarriere aufbauen kann.

Die Selbstaufopferung steht zweifelsfrei für den geistigen Menschen. Noch wichtiger aber ist es, die Leidenschaft angemessen im Zaum zu halten. Meine Generation ist in die richtige Zeit hineingeboren. Vielleicht sind wir verglichen mit früheren und späteren Generationen die vom Glück begünstigste. Das könnte uns leicht zu Überheblichkeit verführen. Betrachtet man die Welt objektiv, so sollten wir eigentlich dankbar sein und den und bescheiden sein. Die nächste Generation wird viele unserer Beschränkungen überwinden, wir sollten hinter ihnen stehen und uns nicht in ihren Weg stellen und so zum Hemmschuh für sie werden, wir sollten sie nicht daran hindern, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr eigenes Leben aufzubauen.

Oft ist nicht der materielle Reichtum entscheidend für Kinder, sondern die Lebenseinstellung, die Eltern ihnen vorleben. Oft tun sich die Menschen leichter, fortschrittliche Waffen und Technik zu akzeptieren. Vor neuen Ideen, die sich von ihren traditionellen ethischen Prinzipien unterscheiden, schrecken sie jedoch zurück. Falsche Einstellungen, die sich von Generation zu Generation übertragen, hemmen den zivilisatorischen Fortschritt Chinas, dem Land mit der weltweit ältesten Zivilisation und größten Bevölkerung. Zumindest unsere Generation sollte bei voller Anerkennung der traditionellen Werte mit den falschen althergebrachten Gedankengängen brechen, dazu gehört auch die traditionelle Moralvorstellung, die eine eigenständige und gesunde Persönlichkeit hemmt.

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