Pekings Krankheit ist Chinas Krankheit

1.3.2013

北京病,中国病 Von Zhang Liwei 张立伟 (FT Chinese, 6.2.2013). Übersetzt von Jessica Mayer.

Die immer schon von den Chinesen verehrte Hauptstadt Peking ist zu einer “Problemstadt” geworden. Täglich gibt es Staus, die Umweltverschmutzung ist gravierend, die Wohnungspreise sind astronomisch hoch, usw. Man weiss nicht mehr so recht, ob die Stadt sich in Richtung Himmel oder Hölle entwickelt. Innerhalb der Mauern Pekings wohnen die mächtigsten und schlauesten Köpfe Chinas, doch sie finden kein Rezept für Pekings Krankheit.

Einige vergleichen Peking mit Shanghai – Pekings Stadtplanung und Stadtmanagement hinken dem von Shanghai um fast eine Generation hinterher, aber die beiden Städte lassen sich nicht vergleichen. Seit Beginn der Yuan-Dynastie war Peking fast immer Chinas Hauptstadt, es verfügt daher über ein enormes historisches Erbe. Peking ist auch das politische Zentrum in einem zentralistischen Staat, Shanghai hingegen hat sich aus einem Ort entwickelt, der Ende der Qing-Dynastie noch ein Fischerdorf war. Diese Industriestadt, die in der Vormoderne von Null anfing, hat sich bereits vor der Machtübernahme durch die KPCh aufgrund der Präsenz der Kolonialisten und der Kapitalisten eigenständig zur modernsten Stadt im Fernen Osten entwickelt. Während andere Städte in China der zentralistischen Ausstrahlung Pekings nacheiferten, hat Shanghai sein Gesicht einer Handelsstadt bewahrt.

Peking ist bis heute die Hauptstadt eines zentralistischen Staates. Obwohl das neue Regime die Mauern der Verbotenen Stadt geschleift hat und der Kaiserpalast geschont wurde und zugänglich gemacht wurde, so hat man die zentralen Organe der Macht in das Gebiet innerhalb des dritten Rings konzentriert, was Peking weiterhin zu einer verkappten Kaiserstadt macht. Im Gebiet innerhalb des dritten Rings konzentriert sich der Großteil der zentralen Stellen, die Armee, die Vertretungen von Gebietskörperschaften außerhalb Pekings und die Botschaften.

Tatsächlich ist es falsch zu behaupten, die Pekinger Stadtplaner hätten von der Sowjetunion gelernt. Die Gebäude sind vielleicht an den sowjetischen Baustil angelehnt, aber die stark funktionale Konzentration bei der städtischen Raumordnung ist eigentlich eine Fortsetzung der Städte aus der Zeit des Feudalismus. Im Kaiserreich waren die Kaiser, die Beamten und die Aristokratie die tragende Säule des städtischen Lebens, während die einfachen Bürger eine äußerst untergeordnete Rolle einnahmen, sie dienten lediglich der Schicht der Mächtigen. Deshalb bedeutet die Redensart “Die Stadtmauer bauen, um die Monarchen zu beschützen und die äußere Mauer bauen, um die Bevölkerung zu beschützen”, dass innerhalb der Stadtmauern Kaiser und Beamte residierten und außerhalb der Stadtmauern das einfache Volk wohnte.

Der Grund für Pekings verstopfte Straßen liegt darin, dass das Stadtzentrum, in dem sich die Organe der Staatsmacht drängen, das Monopol auf zu viele der landesweit besten gesellschaftlichen Ressourcen hat. Dazu zählen die besten Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, kulturellen Stätten, Museen und Geschäfte. Wenn sich die nationalen Zentren im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich alle im Stadtzentrum konzentrieren, werden Staus unvermeidbar und noch so hohe Wohnungspreise werden normal.

Die Administratoren der Stadt sehen den Service für die Führungsschicht als ihre Hauptaufgabe. Außerhalb des vierten Rings leben neben den aus dem Zentrum umgesiedelten Haushalten hauptsächlich Migranten. Die in diesen Gebieten wohnenden Bürger werden wahrscheinlich nicht als Pekinger angesehen und erhalten deshalb auch keine städtischen Leistungen. Verlässt man die Guarded Communities, dann findet man sich wieder im Chaos einer typischen Übergangszone zwischen Stadt und Vorort. Die Planung durch die Stadtregierung ist dort nicht wie sie sein sollte, und es fehlt an Input in die Gebäude und öffentlichen Ressourcen, es gibt nicht genug Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und praktische Geschäfte. Das Zentrum verfügt über Chinas beste Ressourcen und zieht die Reichen aus dem ganzen Land an, was die Immobilienpreise in die Höhe treibt. Dies wiederum zieht die Vorstädte in Mitleidenschaft, die durch einen Mangel an öffentlichen Ressourcen, Schmutz und Chaos gekennzeichnet sind, was auch dort die Immobilienpreise anziehen lässt. Dort sieht man auch kaum Verkehrspolizei und allgemeine Polizei, was einen starken Kontrast zum Zentrum bildet.

Wenn die Stadtverwaltung hauptsächlich den Machtzentralen dient, dann fehlt es dem städtischen Verkehr und den öffentlichen Einrichtungen an Bürgernähe. Peking verfügt über breite und gerade Hauptstraßen, es fehlt aber an geeigneten Fußgängerwegen. Dieses sterile Verkehrsnetz und die Compund-Kultur lassen jedes kleine Wohnviertel aussehen wie eine Kaserne. Will man einkaufen, Freizeitbeschäftigungen nachgehen oder sich treffen, dann muss man weite Distanzen zurücklegen, was die Verkehrsdichte erhöht. Im Vergleich dazu hat Shanghai viele verwinkelte Straßen und Hochstraßen, und vor allem die Verbindung der vielen Fußgängerwege und Unterführungen mit großen und kleinen kommerziellen Einrichtungen bildet ein engmaschiges öffentliches Nahverkehrssystem und eine integrierte Lebens- und Arbeitsumgebung.

Eine richtige Stadt ist das Produkt der ökonomischen Entwicklung. Sie ist dafür da, den Bürgern ein besseres Leben zu ermöglichen. Es geht also immer um die Bürger der Stadt. Durch die Nachwirkungen des Kaiserreichs und des sowjetischen Systems gruppieren sich Chinas Städte bis heute jedoch um das “Machtzentrum”. Deshalb wird die Verwaltung der chinesischen Städte von der Schicht der Mächtigen kontrolliert. Chinas regierungsunmittelbare Städte und Kreisstädte sind relativ einfach, die Regierung einer regierungsunmittelbaren Stadt kann die Verwaltung und Planung der ganzen Stadt steuern, und ihre Distriktregierungen folgen ihnen und führen das aus. Bei der führenden Schicht in den Kreisstädten ist es noch einfacher. In den Provinzhauptstädten jedoch, insbesondere in der nationalen Hauptstadt haben die Stadtverwalter mit der “Königsangst” zu kämpfen.

Zum Beispiel bekommt die Pekinger Stadtregierung im Rahmen ihrer Planung und Verwaltung es mit den zahlreichen dort verorteten zentralen Behörden zu tun, für die die untere Ebene nur der oberen Ebene zu dienen hat. Deshalb dürfen bei Entscheidungen wie der Verkehrsplanung und Ressouren-Zuteilung in keinem Fall die Interessen der zentralen Stellen tangiert werden, sondern ihre Interessen müssen gewahrt werden. Das führt bei der Stadtplanung und Stadtverwaltung dazu, dass sie sich mit manchen Fehlern abfinden müssen. In Shanghai gibt es solche Probleme nicht, aber bei den meisten Provinzhauptstädte stellt sich das gleiche Problem wie in Peking.

Pekings Krankheit sind in Wirklichkeit Chinas Krankheit, es ist ein Fehler im System, es ist das Ergebnis dessen, dass es in China immer noch keine gleichen Rechte gibt. In einem zentralistischen Staat dienen die städtischen öffentlichen Ressourcen prioritä der Staatsmacht. Die Bürger in den Städten leisten eher Dienste, als dass sie Dienstleistungen in Anspruch nehmen könnten. Im Zuge der Vergrößerung der Städte und der Entwicklung des Automobil- und Immobilensektors, stößt diese hergebrachte Methode, nämlich dass sich ein Großteil der öffentlichen Ressourcen um das politische Zentrum gruppiert, auf viele Probleme. Auch die Mächtigen selbst werden zu Leidtragenden dieser Probleme. Warum hat Peking die landesweit mächtigsten Köpfe, ist aber nicht in der Lage, seine Krankheit zu kurieren? Weil die Interessensgruppen nicht auf ihren Profit verzichten werden, außerdem verfügen sie über das Privileg, die Leiden, die ihnen die Stadt zufügt, für sich zu lindern.

Bereits während der Republikzeit wollten die Stadtplaner eine “Verbindung von Chinesischem und Westlichem” in Peking realisieren. Sie wollten ein Pekinger Äußeres und eine Modernisierung nach Innen. Damals war es nicht der Kapitalismus, der die Pekinger Stadtplanung erschwerte, sondern es war die Hinterlassenschaft aus der feudalistischen Epoche. Schwierig war es, die traditionell geprägten Städte zu modernisieren.
Peking hat es aber nicht geschafft, die Kultur einer modernen Stadt zu erreichen. Deshalb hat Peking bis heute Schwierigkeiten, mit der Moderene mitzuhalten. Genauso wie das ganze Land zerbricht sich Peking immer noch darüber den Kopf, wie es in der modernen Zivilisation ankommen soll.

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