Internet-Sitcom “Evolution of Genius”

17.7.2013

Besprechung einer Folge einer Internet-Sitcom, die sich witzig mit den Entwicklungsproblemen chinesischer Einzelkinder auseinandersetzt. Von Sima Pingbang 司马平邦, übersetzt von Jessica Mayer. Quelle: sina.com. Videoclip hier.

Bevor das Phänomen der Einzelkinder aufkam, wurde fast jeder in seiner Kindheit oder Jugend von einem strengen Vater gemaßregelt. Ja, uns alle, die wir aus dieser Zeit stammen, verbindet wohl eine gemeinsame Erinnerung: Dein Vater ist dein Feind. Die Väter von damals kümmerten sich oft auf rohe und simple, auf jegliche methodische Überlegungen verzichtende Weise um Vergehen der Kinder, besonders der Jungen. Ich war in der Schule immer recht gut, war der Stolz meines Vaters, aber auch ich bekam den Schmerz, den der Schlag einer Gerte auf das Gesäß bereitet, mehr als einmal im Jahr zu spüren. Allein der Gedanke an diesen Schmerz jagt mir auch jetzt noch einen Schauder über den Rücken.

“Pietätvolle Söhne entstehen unter Prügeln” – das war früher lange Zeit eine von Vätergeneration zu Vätergeneration weitergereichte Bildungsphilosophie, wobei im Grunde die Väter das Frechsein ihrer Kinder gar nicht als so schlimm ansahen, denn es gab sogar die Redewendung “Nur aus einem frechen Junge wird einmal ein guter Mann, nur aus einem frechen Mädchen wird einmal eine fähige Frau”. Und nach Meinung der Eltern von damals hatte die Geschichte bewiesen, dass diese beiden Sentenzen ein probates Rezept für die Heranzucht von pietätvollen Kindern waren. Nun, da ich älter bin, denke ich mit einer gewissen Wehmut an die Zeit zurück, in der der junge Vater mich ungezogenes Kind mit einer Weidenrute züchtigte.

In der zweiten Staffel der Internet-Sitcom “Evolution of Genius” gibt es eine Folge mit dem Titel “Rettung in höchster Not”, in der es um die von der Bildungsorganisation “Xue Da Jiaoyu” propagierte sogenannte Erziehung zum Individuum geht. In ihr geht es um Lü Bingbing, einen Jungen mit einer dicken Brille. Der Vater hofft, dass aus seinem Sohn früh ein Erwachsener wird und steckt ihn in dieses außerschulische Bildungsinstitut, wovon er sich für seinen Sohn nicht mehr, sondern weniger Individualität verspricht.

Zwischen Lü Bingbings Lehrern, gespielt von dem Xiangsheng-Darsteller Gao Xiaopan und der Moderatorin Mao Yuanjun, die die Individualisierungserziehung durchführen wollen, und dem fest an Instant-Lernerfolge glaubenden Herrn Lü entspinnt sich dann ein wendungsreicher Sketch im Stil von Zhao Benshan. Er zeigt Herrn Lü als typische, von der Gesellschaft konditionierte Führungsfigur, die nun ihrerseits den eigenen Sohn konditioniert. Unter der Tyrannei des Vaters wirkt Bingbing wie ein frommes Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Nicht der geringste Mut, das geringste Interesse zur Auflehnung sind vorhanden – vielleicht besteht gerade darin das größte Ãœbel von Chinas heutiger prüfungsorientierter Bildung.

Gerade unter der Ein-Kind-Politik konzentrieren die Väter all ihre Hoffnungen, ihren Enthusiasmus und ihre Strenge auf ihr einziges Kind. Unter dieser väterlichen Autorität ist den Söhnen jegliche Fähigkeit zu Auflehnung und Widerstand abhanden gekommen. Auch wenn sie vielleicht nie den Schmerz eines Rutenschlags spüren müssen – in der Stadt kann man ja auch nicht so schnell irgendwo einen Ast abbrechen – so sind sie doch bereits durch und durch gefügig gemacht worden.

Je nachdem ob Vater Lü präsent ist oder nicht, ist der bebrillte Lü Bingbing wie ausgewechselt. Ohne den wachsamen Blick des Vaters ist der Junge eigenständig genug, einen kleinen Hund zu bandagieren und zu operieren. Die blosse Abwesenheit des Vaters setzt plötzlich seine ganze Begabung frei. Doch kaum taucht der Vater wieder auf, genügt ein Ruf „Lü Bingbing!“, und der Sohn ist im Handumdrehen neu formatiert, wird wieder zum gefügigen, tumben Schlachtlamm.

Ein knapp 15 Minuten langer Videoclip wie dieser kann natürlich keine tiefschürfenden Ideen transportieren, doch er beschreibt sehr anschaulich und auf den Punkt gebracht einige negative Aspekte des heutigen Bildungssystems.

Comments are closed.