Das Hukou-System ist Chinas größte Urbanisierungsbremse

15.11.2013

Das Hukou-System ist Chinas größte Urbanisierungsbremse
Quelle: 户口制度是中国城市化的最大障碍 von Han Biru 韩碧如. Übersetzung: Jessica Mayer.

Dem 16-jährigen Yang Hui ist sterbenslangweilig, und seine der Schrift nahezu unkundigen Großeltern werden mit ihm nicht fertig. Zu den herumtreibenden jungen Schulschwänzern auf den staubigen Straßen in Zhangjiachuan in der Provinz Gansu sind nun Yang Hui und andere kleine Vagabunden hinzugekommen. In Yang Huis Weibo-Postings schleichen sich obszöne Ausdrücke und Straßenslang ein. Im Zusammenhang mit einem Motorrad-Diebstahl wurde er von der Polizei verhört. Seine schulischen Leistungen haben daraufhin auch nachgelassen.

Später, im September dieses Jahres war Yang Hui der Erste, der auf Grundlage des Gesetzes Chinas gegen die Verbreitung von Gerüchten festgenommen wurde. Auslöser war eine Nachricht Yang Huis auf Weibo, in der er eine Demonstration befürwortet hatte. Diese Demonstration wuchs sich später in eine Protestaktion gegen die Polizei aus. Dieses Ereignis fand landesweit größte Beachtung, woraufhin der eingeschüchterte, aber immer noch widerspenstige Jugendliche nach einer Woche Haft freigelassen wurde.
Obwohl er mit Glück einer dreijährigen Gefängnisstrafe entgehen konnte, unterlag Yang Hui jedoch nach wie vor der Beschränkung durch das Hukou-System. Seine Eltern mussten ihn zum Besuch des Gymnasiums an einen hunderte von Kilometern entfernten Ort schicken.
In China gibt es 100 Millionen Menschen, die der Armut auf dem Land den Rücken gekehrt und in den Städten Arbeit gefunden haben. Yang Huis Familie gehört dazu. Wie bei vielen anderen auch unterscheidet sich das Umfeld, in dem ihr Sohn aufwächst grundlegend von ihrer eigenen Kindheit auf dem Land.
Aufgrund des Hukou-Systems müssen jedoch einige Kinder, die in der Stadt aufgewachsen sind, für den Besuch der Sekundarstufe in Kleinstädte ziehen. Wer ohne Hukou in der Stadt lebt, ist von öffentlichen Dienstleistungen wie Bildung und gesundheitlicher Versorgung ausgeschlossen.
Chinas offizielles Ziel ist die Beschleunigung des Urbanisierungsprozesses. Schafft man das Hukou-System ab, dann schafft man das größte Hindernis für dieses Ziel ab. Aber Chinas Stadtregierungen sind gegen so ein Vorgehen, weil sie die damit einhergehenden Kosten für öffentliche Dienstleistungsbedürfnisse wie Gesundheitsversorgung und Bildung nicht übernehmen wollen.
Chinas Ministerpräsident Li Keqiang hat dieses Jahr in einem Artikel in der Financial Times geäußert: „Die Urbanisierung bietet langfristig ein enormes Potenzial für die Ausweitung des Binnenkonsums.“ Nach seiner Schätzung werden in den nächsten 10 Jahren über 100 Millionen Menschen in die Städte strömen.
Ein Think Tank des Chinesischen Staatsrats schätzt die Kosten pro Kopf auf 80.000 Yuan, wenn man den Wanderarbeitern und ihren Familien grundlegende öffentliche Dienstleistungen gewährt, d.h. sie zu städtischen Bürgern macht.
Hu Xingdou, Wirtschaftswissenschaftler und einer der Befürworter einer Reform des Hukou-Systems weist darauf hin, dass in den Schätzungen die Beiträge der Wanderarbeiter in Form von niedrigen Einkommen und Existenzgründungen nicht berücksichtigt worden sind. Außerdem würde die Bürokratie von den durch diese Beiträge erzielten Statistiken profitieren. Dies sei in den Schätzungen auch nicht voll berücksichtigt worden.
Hu Xingdou meint: “Bei der Berechnung des BIP ist der Beitrag der Wanderarbeiter miteinberechnet. In die Berechnungen für die Pro-Kopf-Zahlen sind die Wanderarbeiter jedoch nicht eingerechnet. Deshalb neigen die Bürgermeister mit Rücksicht auf ihren eigenen politischen Record keinesfalls dazu, die Reform des Hukou-Systems zu unterstützen.”
Seit die Wanderarbeiter in den 1980er und 1990er Jahren begannen, in die Großstädte und Industriegebiete zu strömen, hat China bereits seine Hukou-Beschränkungen deutlich gelockert. In einigen Provinzen wird nicht mehr zwischen Wanderarbeitern und Bürgern unterschieden. In anderen Provinzen können die Wanderarbeiter ihren Hukou frei in verschiedenen Gebieten registrieren, aber es ist immer noch schwer, Bürger in den größeren und attraktiveren Städten zu werden. Wanderarbeiter dürfen sich mittlerweile beim Krankenversicherungs-Programm beteiligen, obwohl die Krankenversicherung häufig noch nicht provinzübergreifend ist.
Es ist einfacher geworden, die Kinder von Wanderarbeitern einzuschulen, obwohl sie verglichen mit örtlichen Kindern mehr zahlen müssen. Das bedeutet, dass viele Eltern ihre Kinder nicht mehr auf dem Land zurücklassen, sondern sie in den Städten aufwachsen lassen wollen. Natürlich vorausgesetzt, sie schaffen das.
Yang Hui ist ein typisches Beispiel. Seine Eltern kamen von auswärts und haben in Peking einen Nudelladen aufgemacht. Er ist in Peking aufgewachsen und hat eine sehr gute Grundschule besucht. Aber ohne einen Pekinger Hukou darf er nicht an der Hochschul-Aufnahmeprüfung in Peking teilnehmen. Weil aber diese Prüfungen in jeder Provinz unterschiedlich sind, bleibt den Kindern nichts anderes übrig, als in ihre Provinzen zurückzukehren, um dort zur Schule zu gehen.
Also werden die in diesen Großstädten aufgewachsenen Kinder zu ihren Großeltern oder aufs Internat geschickt. Für die Eltern ist es sehr nervenaufreibend, aus der Ferne zu sehen, wie die schulischen Leistungen ihrer Kinder nachlassen, wie sie durch die Einsamkeit traurig und schweigsam werden.
Yang Huis Vater Yang Niuhu sagt zur Financial Times: “Die Einstellung meines Kindes zum Lernen und zu den Idealen hat sich stark verändert. Vor seinem Weggang wollte er noch fleißig lernen, um einmal studieren zu können. Aber jetzt, da er auf dem Land lebt, hängt er oft mit Schulschwänzern rum und fängt an, am Sinn des Lernens zu zweifeln.”
Jetzt lebt Yang Hui immer noch in Zhangjiachuan und steht unter polizeilicher Beobachtung. Ihn nach Peking zurückzuholen würde seine Chance auf ein Studium zunichte machen, und wenn er in einer mittelgroßen Stadt in der Provinz Gansu weiterhin eine Schule besucht, muss seine Mutter ihren Nudelladen in Peking aufgeben und mit seinem kleinen Bruder zusammen zu ihm ziehen.
Yang Niuhu sagt: “Wir wissen in dieser Frage wirklich nicht ein noch aus.” Wird das Hukou-System nicht reformiert, werden andere Familien wahrscheinlich vor dem gleichen Problem stehen.

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