“Tuhao土豪” – eine gesellschaftliche und kulturelle Methapher

16.11.2013

Tuhao土豪” - eine gesellschaftliche und kulturelle Methapher Quelle: “土豪” 的社会与文化隐喻 (Xinhua). Von Zhang Tianpan 张天潘. Ãœbersetzung: Jessica Mayer.

“Tuhao, lass uns Freundschaft schließen!”  Das ist ein verbreiteter aktueller Spruch im Internet, den jeder versteht. Das in diesem Spruch vorkommende Wort “Tuhao” ist im Internet vollends ubiquitär. Wer mit dem neuesten Internet-Vokabular nicht vertraut ist, der wird sich höchlichst wundern, warum gerade das Wort “Tuhao” so angesagt ist.

Was die Chinesen mit Tuhao (Dorfgrößen) verbinden, hat mit der Bodenreform und der Revolution zu tun, unter dem Motto “die Tuhao bekämpfen und das Land verteilen”. Die Tuhao von damals waren Zielscheibe von Diktatur und Kampf, weil sie die Etiketten “Reichtum und Herzlosigkeit, Ausbeutung der armen Bauern” und “Sabbotage an der Revolution” aufgeklebt bekommen hatten. Doch die aktuelle Bedeutung von Tuhao hat sich vollkommen geändert. Dieses Internet-Trendwort lässt sich am einfachsten mit “ungehobelter Reicher” beschreiben. Der Ausdruck Tuhao beschreibt in der Regel eine Gruppe von Leuten, die sinnlos ihr Geld verprassen und nicht genug mit ihrem Reichtum angeben können.

Trotzdem weicht das Bild von den Tuhao bereits von Gruppen wie den Neureichen ab. Man steht ihnen nicht mehr einfach nur ablehnend oder geringschätzig gegenüber, sondern empfindet eine Art Hassliebe für sie, die sich ausdrückt in Sprüchen wie “Begegnet man ihnen auf der Straße, dann schreit man erst “Unrecht!” und umarmt sie dann und lässt sie nicht mehr los” oder in Sprüchen wie “Lass uns Freundschaft schließen”.

Der Begriff Tuhao ist mittlerweile angesagter als andere neue Gruppenetiketten wie Gaofushi (großer gutaussehender Reicher), Baifumei (weißhäutige reiche Schönheit) und Diaosi (Angehöriger des Prekariats), und er hat über diese etikettierten Gruppen hinaus eine neue Gruppe etabliert und damit einen neue Gruppe in der pluralistischen Gesellschaft kenntlich gemacht. Kulturell bildet er einen Gegensatz zu Begriffen wie Gaofushi und Baifumei, indem sein Sinn zwei Pole in sich vereinigt, nämlich das Grobe und das Raffinement. Gleichzeitig korrespondiert der Begriff Tuhao auf der Ebene der Grobheit mit dem Begriff “Diaosi”, in einem ökonomischen Koordinatensystem befindet sich ein Begriff oben, der andere unten. Deshalb hat sich für mich der Begriff Tuhao bereits von dem aus politologischer Sicht negativen Wort zu einem aus soziologischer Sicht ungeschminkten Abbild einer gesellschaftlichen Stratifizierung und Diskrepanz zwischen Arm und Reich gewandelt. Kulturell gesehen wiederum berührt es den geistigen Geschmack und die Werteorientierung.

Aus soziologischer Sicht sind für die Menschen die Tuhao von heute zu einem großen Teil eine in den letzten mehr als 10 Jahren durch Immobilien reich gewordene Schicht. In den Metropolen ist man als Besitzer einer kleinen Wohnung ja bereits Millionär. Das Bild, das sie den einfachen Menschen geben, ähnelt dem der einstigen Großgrundbesitzer und Pächter, die auf Kosten anderer ohne eigene Leistung wohlhabend geworden sein. Denn diese Menschen sind nur selten Unternehmer, die durch fleißige Geschäfte zu ihrem Reichtum gekommen sind. Sie sind auch keine Büroangestellten, die durch harte Arbeit ein ordentliches Gehalt beziehen, sondern sie lehnen sich zurück, während ihr Reichtum mit den Immobilienpreisen in die Höhe schnellt und ziehen so Bewunderung, Neid und Haß der einfachen Leute auf sich.

Dank eines so leicht erworbenen Reichtums führen sie ein materiell glückliches Leben, sie verpacken sich mit allerlei materiellen Dingen, das aktuellste davon ist das neue iPhone5S in seiner charakteristischen Farbe, die “Tuhao-Gold” genannt wird. Es hat eine ähnliche symbolische Bedeutung wie der Goldzahn, auf den einst die Neureichen stolz waren und ist ein deutliches Symbol für die ungerechte Polarisierung zwischen Arm und Reich. Hinter “Lass uns Freundschaft schließen” steht eine Art Selbstironie und Gesellschaftsausdruck. Den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der grausamen gesellschaftlichen Realität abzufinden.

Außerdem waren die Chinesen kulturell noch nie wirkliche Mammonisten. Die Anerkennung von Kultur, Geschmack und moralischer Bildung ist stark ausgeprägt. So besteht das derzeitige Frotzeln im Freundeskreis darin, sich gegenseitig als Tuhao zu bezeichnen und dem anderen die Tuhao-Krone aufzusetzen. Auffallend aber ist, dass die Bezeichnung “Tuhao” zwar überall zirkuliert, aber letztendlich niemand wirklich zugibt, selbst ein Tuhao zu sein.

Von den Neureichen über die Kohlebarone bis zu den heutigen Tuhao, solche Bezeichnungen und Gruppen-Etiketten stehen für Widerstand und Verachtung gegenüber einer Gruppe, die materiellen Reichtum hat, aber keinen kulturellen, die Geld hat, aber keine Charakterbildung, die Luxusprodukte besitzt, aber keinen Geschmack. Dieser Widerstand und diese Verachtung machen das Wesen des Chinesen aus und bilden den Kern der sozialen Kultur. Obwohl Chinas Gesellschaft bereits eine Konsumgesellschaft ist, in der der Mammonismus im Schwange ist, so sind letztendlich aber diese kulturelle Gewohnheiten und kulturellen Traditionen tief im Herzen der Menschen verwurzelt. Die Anforderungen an die Kultur und den Geschmack sind nach wie vor sehr hoch. Durch die grausame Realität jedoch werden die Ideale verdrängt und den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich vor den hirnlosen Tuhao zu verbeugen, ja sogar sich ihnen ganz auszuliefern.

Im Allgemeinen ist es so, dass gesellschaftliche Polarisierung im Wortschatz ihren ungeschminkten Ausdruck findet.
Die Popularisierung unzähliger neuer Wörter kann als Barometer für Chinas Realität bezeichnet werden. “Tuhao”, dieser Begriff aus der Revolutionszeit, ist im 21. Jahrhundert mit einer komplett neuen, ironischen Bedeutung wieder auferstanden. Er steht dafür, dass die Stratifizierung der chinesischen Gesellschaft schon klar vor aller Augen liegt, als wäre man zurückgekehrt in jene vergangene Zeit. In der Folge wurde der Begriff Tuhao zu einem gesellschaftlichen Wundmal mit einem sarkastischen Beigeschmack.

Die Menschen sind mit dem Status Quo nicht zufrieden. Durch Späße und Selbstironie brechen sie alte Strukturen auf und entwerfen neue Konzepte.

Wenn die Probleme der gesellschaftlichen Stratifizierung und der Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die sich an dem Phänomen der Tuhao zeigen, nicht beachtet und gelöst werden, (…), dann ist das Treiben der Tuhao etwas Zwangsläufiges. In Zukunft wird dann eine revolutionäre Sprache wieder Oberhand gewinnen, und es besteht das ernstzunehmende Risiko, dass ein gesellschaftlicher Sturm wie die die Eigentumsrechte total ignorierende “Landaufteilung” sich wiederholt.

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