Thilo Diefenbach: Zwischen Engagement und Resignation

4.1.2014

Zwischen Engagement und Resignation Auszüge aus dem Yulizi und anderen Texten von Liu Ji (1311-1375). Übersetzt und mit einer Einführung von Thilo Diefenbach. Reihe Phönixfeder. Ostasien Verlag, Gossenberg 2012, 1. Auflage. 249 S., ISBN 978-3-940527-65-3. Buchbesprechung von Rupprecht Mayer.

Die Tragik des chinesischen Intellektuellen ist es seit über zwei Jahrtausenden bis in die jüngste Gegenwart, dass ihm die Politik zwar eine aktive Rolle zuwies, dass er jedoch weitgehend passiv war in der Frage, wie und wann er sich einbringen konnte. Die autokratische Herrschaft wurde vom konfuzianisch geprägten System zwar nicht in Frage gestellt, doch vom Herrscher wurde erwartet, dass er von sich aus an seiner moralischen Vervollkommnung arbeitete und sich weise Ratgeber suchte. Selbst wenn ein Gebildeter durch Studium und Beamtenprüfungen die nötige Qualifikation besaß, musste immer noch Glück dazukommen, wenn er in Verwaltung und Politik partizipieren wollte. Er musste „die richtige Zeit treffen“ oder „den Menschen treffen“, der sein Talent erkannte.

Liu Ji 刘基 (1311-1375) hatte dieses Glück. 1359 traf er mit Zhu Yuanzhang 朱元璋 (1328-1398) zusammen, der neun Jahre später später die Mongolenherrschaft in China ablösen und die Ming-Dynastie gründen sollte. Er legte ihm ein politisches Programm vor und wurde sein wichtigster strategischer Berater. So gab er ihm in einer entscheidenden Phase den Rat, Chen Youliang 陈友谅, einen aussichtsreichen Mitbewerber um die Macht, rechtzeitig auszuschalten. Die Zeit nach der Neugründung einer Dynastie wurde für solche verdienten Mitstreiter oft eine gefährliche Phase. Die Herrscher wiesen ihnen in der Regel erst wichtige Ämter oder Kommandos und fette Pfründen zu, um ihre Dankbarkeit zu zeigen, tendierten dann aber dazu, sie als lästige Erinnerung an ihre Anfänge zu sehen, auch als Bedrohung, weil diese Persönlichkeiten oft noch über eine eigene Hausmacht verfügten und für den Geschmack des Herrschers nicht schnell genug aus der Rolle des Kameraden in die des Untertan schlüpften.

Doch Liu Ji hatte auch hier Glück. Mehrere Jahre bekleidete er noch höchste Regierungsposten oder war als Berater geschätzt, und trotz vieler Intrigen hielt der Kaiser in standhafter Dankbarkeit an ihm fest. Liu Ji durfte eines natürlichen Todes sterben, noch bevor die wahnhaften Säuberungen des Dynastiegründers begannen. Auch seine aus der Sicht des traditionellen politischen Systems erfüllte, späteren Generationen beneidenswert erscheinende Biographie war es wohl, neben seinem ebenso lehrhaften wie kurzweiligen literarischen Werk, was Liu Ji bis heute in China so populär macht. Manche seiner als „yuyan 寓言 (Sinngeschichten, Fabeln) bezeichneten Prosastücke wie „Die Worte des Orangenverkäufers“ (S.221ff) sind heute Schullektüre. Besonders der Yulizi 郁离子 kursiert in vielen kommentierten Auswahleditionen, manche bieten sogar Übersetzungen in modernes Chinesisch. Es ist ein großes Verdienst des Übersetzers, aber auch des rührigen Ostasien Verlages, nun eine umfangreiche Übersetzung aus dem Yulizi und weiteren Werken Liu Jis vorgelegt zu haben.

Dies gilt umso mehr, als durch ein Versäumnis der deutschsprachigen Sinologie (aber auch der deutschsprachigen Verlage), deutsche Übersetzungen vieler Hauptwerke der chinesischen Literatur- und Geistesgeschichte immer noch nicht greifbar sind. Eine große Zahl von Werken wurde zwar in andere europäische Sprachen übersetzt; das reicht für die wissenschaftliche Rezeption aus, vernachlässigt aber die ästhetische Rezeption, die in der Muttersprache erfolgen sollte, und die Rezeption durch das allgemeine Lesepublikum. Für den Fachsinologen bringen Übersetzungen wenig karrierefördernde Meriten, und außerhalb des akademischen Betriebes sind sprachkundige und stilsichere Übersetzer dünn gesät.

Diese 2012 erschienene Liu Ji-Ausgabe (eine Auswahl davon wurde auch in den Heften für ostasiatische Literatur, Nr.52, Nov. 2012 publiziert) wird durch einen informativen Überblick über Leben und Werk des Autors und den historischen Hintergrund bereichert, und sie bietet zusätzlich in Synopse den chinesischen Text in unverkürzten Schriftzeichen. Das macht das Buch zu einem idealen Geschenk, das Lerner der vormodernen Schriftsprache sich schenken lassen oder sich selbst schenken sollten. Für den nichtsinologischen Leser sind diese pointierten Kurzessays, sinnträchtigen Anekdoten und fiktiv-historischen Herrschaftskritiken eine spannende Lektüre, bei der man trotz des sehr diversen Inhalts überall eine sehr persönliche Erzählerstimme heraushört. Eines der Hauptthemen ist die Frage, wie ein Herrscher den Charakter und das Talent eines Menschen erkennen und einsetzen soll – ein zentrales Thema auch in Liu Jis Biographie.

Das Deutsch der Übersetzung weist einen guten, flüssigen Stil auf, und die Übersetzung eines so umfangreichen schriftsprachlichen Textes ist eine große Leistung. Gewisse Unschärfen sind angesichts der Schwierigkeiten, die diese Texte bieten, nicht zu vermeiden, und müssen in Relation zum Umfang des Textes gesehen werden. So erscheint mir die Liste der Geschenke, mit der um den Helden der Geschichte „Feng Fu“ (S.93) geworben wird, nicht vollständig, und in „Der neunköpfige Vogel“ (S.137) läse sich der letzte Absatz besser, wenn der Übersetzer hu 胡 als Fragepartikel aufgefasst hätte. Um solche Unsicherheiten zu vermeiden, hätte sich die Konsultation der Ausgaben mit umgangssprachlicher Übersetzung angeboten, die zum Teil auch im Netz zugänglich sind. Es ist richtig, dass diese Übersetzungen oft oberflächlich und irreführend sind, aber das gilt auch für die Kommentare, die der Sinologe traditionell berücksichtigt. Natürlich ist eine Übersetzung immer dem Originaltext verpflichtet, doch mancher Flüchtigkeitsfehler lässt sich durch das Mitlesen solcher Übersetzungen vermeiden. Festzuhalten bleibt, dass diese Übersetzung eine große Bereicherung für das deutsche Lesepublikum darstellt; die ein oder andere Unebenheit lässt sich sicher in einer Neuauflage glätten.

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