Gedichte von Gu Cheng

Übersetzung von Rupprecht Mayer

Aus der Zeitschrift Chinablätter, Nr.4 bis 17.


 

Alles bestens

Alles ist bestens / ich wüsste auch nicht / was noch brennen könnte / in diesen stillen Nächten / was für ein Tropfen / Blut oder Regen / uns noch ein Lächeln brächte / wir torkeln dahin / durch düstere Strassen / man sortiert uns genau / und steckt uns in Kästen / die jeden Tag geöffnet werden / graue Wolken / gehn mit uns zur Arbeit

Wir betrachten die Zotteln / an unseren Füssen

Wir sind schon einmal / zu Wölfen geworden / Rudel zwischen den Felsen / jetzt sind wir Schafe / und torkeln dahin / aus funkelnden Tränen / kommt kein Geheul / unsere Schatten / die sagen das nie / alles bestens / unsere Schatten strecken die Mäuler / zum Strassenrand hin / ich erfahr es von ihnen / in den Kästen ist Stroh / in den Kästen ist Stroh / in den Kästen ist Stroh     (August 1983)

 

Herkünfte

Die Stufen der Quelle / das Pferd aus dem Wald / auf eiserner Kette / mit leichtem Schritt

All meine Blüten / kommen aus dem Traum

Ihr meine Flammen / Blauschwärze des Meeres / stärkste Soldaten / am Firmament

All meine Träume / kommen aus dem Wasser

Die Strahlen der Sonne / sind Glied um Glied / die eiserne Kette / und frische Luft / Mitbringsel der hölzernen Schachtel / Fische und Vögel / wie sie sich geben

Ich habe leise / deinen Namen gesagt / das Licht braucht eine Adresse   (Juni 1984)

 

Arbeit

So viele Tage / wurden tränennass / der heutige Tag ist blau / Tauben auf der Mauer / mein Bett kehrt zurück / in die Mauer hinein / ich erhoffe mir wieder / ein kleines Stück vom klaren Himmel / ein schöner Tag / man sollte fröhliche Gedichte schreiben / ich muss mir wieder / ein kleines Stück vom grossen Platz / herunterschneiden / dann ziehe ich mich langsam zurück / bräuchte zwei Reihen junger Zähne / der Regen trollt sich von der Mauer / ich stosse die Welt jetzt weg / ziehe mich langsam zurück / der Morgen hat den Platz vergrössert / dahinter kippen / gelbe Strassen / das weisse Kleidungsstück gleicht einem Fleck / ist das jene Welt / fragt einer hinter der Mauer   (September 1983)

 

Es war die Kraft, mit der die Bäume schwammen

Es war die Kraft, mit der die Bäume schwammen / was den Vogel Kurs halten liess / in erinnerte an das Rauschen der Flut / der Vogel sprach in der Luft 

Mittag - sagte er / das Alter der Baumkronen - sagte er

Duft bedeckt uns ganz / ein langer kühler Arm, noch übers Herz hinaus / wir schwimmen im Wind / nehmen einsam und ruhig Gestalt an / die ersten Tage können wir nicht sehn / ganz zu Anfang war nur die Liebe

 

Das pünktlich eingetroffene Unheil

Das pünktlich eingetroffene Unheil / warf ihn durchaus nicht um / den Redner vor der niedergeschlagenen Schar

ihr Fahnen schleppen sie mit den Füssen nach / Traumbild um Traumbild vor ihren Augen / alle Elefantenherden nehmen zur Kirche hin Fahrt auf

der Kleidungsstücke, Zungen, Blüten / Terror

ihr einst wie jetzt mutloses Schluchzen / streckt sich vom Feld / hin bis zu den Bäumen am Strand   (Juni 1984)

 

Bericht

Drei Männer flohen vom Schlachtfeld / mischten sich Blätter zu Wein / und verschenkten die Kugeln am Abend / dann wanderten sie über die Märkte / voll wehenden seidigen Tuchs

später kam die Miltärpolizei

als er als letzter über den Platz geschleift wurde / bedeckte seine Augen / wie ein Traum sein schwarzes Haar / wie ein Traum sein schwarzes Haar   (Juli 1984)

 

Der Komplize

Du schaust stets hinaus / hinaus in die Welt / deine Füsse suchen / nach den Sandalen / du hast dich verheiratet / besitzt ein schwarzes Weizenfeld / du hast im Traum gestohlen

Zur Treppe hinaus / geht wieder dein Blick   (Juli 1984)

 

Kinderzeit

Die Erde stürzt ganz ruhig / der Mond steigt immer höher / gekräuseltes Wasser / im metallenen Topf   (Juni 1984)

 

Im Alter, in dem man beginnt zu verstehen

Alle Menschen sahen mich an / alle Finger der Flammen / ich mied die Sonne, ging zwischen den Zypressenhecken / den weiblichen Sommer schaue ich nicht an / grüne Ziegel auf der roten Wiese / die Männer sind behaart / wie die Banyanbäume mit ihren Luftwurzeln / ich ging zum Essen in den Speisesaal / da klapperten leise die Stäbchen / dreieckige Blumenbeete / die Kinder, die vorübergingen / hatten Gold im Inneren   (März 1984)